Focus online:
29.7.2010
Atomindustrie dringt auf „15 Jahre plus X“
Der Parkplatz des Kernkraftwerks Neckarwestheim ist komplett belegt. Nicht nur Fahrzeugtypen und - farben sind bunt gemischt, auch die Kennzeichen stammen aus allen Teilen der Republik. Es ist Revision im Kraftwerk, einer der beiden Reaktorblöcke ist für Wartungs- und Inspektionsarbeiten heruntergefahren worden. Eine jährlich wiederkehrende Routine, die zwei oder mehr Wochen dauert, je nach Umfang der Tätigkeiten. Auch diesmal haben die Revisionsplaner wieder ein ehrgeiziges Programm zusammengestellt. Ein Programm, für das das Eigenpersonal des Kraftwerks Unterstützung braucht. Es schlägt die Stunde der Hersteller- und Spezialfirmen. Sie prüfen und warten die von ihnen produzierten Komponenten und führen Arbeiten durch, für die sie speziell qualifiziert sind. Das alles eng verzahnt mit dem Fachpersonal des Kernkraftwerks und unter den kritischen Augen der Atomaufsicht und ihrer Gutachter.
"Bei jeder Revision kommen mindestens 1.000 zusätzliche Fachkräfte an unseren Standort", berichtet Jörg Michels, technischer Geschäftsführer des Kernkraftwerks Neckarwestheim. "Viele von ihnen sind Spezialisten für Arbeiten, die nur während der Revision durchgeführt werden können. Durch den Einsatz in verschiedenen Anlagen können sie diese Fähigkeiten ständig anwenden - davon profitiert schließlich wieder jede einzelne Anlage." Aber auch außerhalb der Revisionen nutzen die Kernkraftwerke das Wissen und Können externer Unternehmen.
Fachkräfte von Dienstleistern sind in den Anlagen stationiert, häufig das ganze Jahr über. In Neckarwestheim sind das derzeit rund 300 Personen. "In einigen Bereichen arbeiten wir schon seit vielen Jahren in bewährter Weise mit externen Unternehmen zusammen. Zum Beispiel beim Gerüstbau oder beim Hochbau. Diese
Firmen verfügen auf ihrem Gebiet über spezielles Know-how und bringen gleichzeitig langjährige Erfahrungen auch aus Tätigkeiten bei anderen Kunden mit. Bei unseren hohen Ansprüchen an die Qualität der Arbeiten ist das ein großer Vorteil", erläutert Jörg Michels.
Insgesamt arbeitet das Kernkraftwerk mit über 2.000 Dienstleistern und Lieferanten zusammen. Ihr Umsatz mit
der Nuklearanlage liegt jährlich im dreistelligen Millionenbereich. "Bei den wenigsten Firmen handelt es sich um große Konzerne wie Areva, Siemens oder Westinghouse", analysiert Dr. Wolfgang Eckert, kaufmännischer Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH. "Es überwiegt der Mittelstand. Aber auch kleinere Betriebe, bis hin zur ortsansässigen Bäckerei, zählen zu unseren Partnern."
Die Firma Kraftanlagen Heidelberg gehört mit rund 400 Mitarbeitern zu den etablierten Mittelständlern der Branche. In Neckarwestheim ist Kraftanlagen mit rund 25 Leuten dauerhaft vor Ort vertreten, während der Revisionen sind es sogar bis zu 100. Die meisten Fachkräfte sind auf Arbeiten an Rohrleitungen spezialisiert, machen Wartung und Instandsetzung. "Wir haben in Heidelberg ein eigenes Trainingszentrum für Schweißarbeiten, sodass wir ein sehr hohes Aus- und Weiterbildungsniveau unserer Mit arbeiter gewährleisten können. Das ist natürlich ein wichtiges Kriterium für unseren Auftraggeber", sagt Peter Dorn, Geschäftsführer von Kraftanlagen. "Es versteht sich von selbst, dass wir längere Laufzeiten für Neckarwestheim begrüßen würden. Pro Jahr macht das für uns mehrere Millionen Euro Umsatz aus und sichert hoch qualifizierte Arbeitsplätze."
Dienstleister und Lieferanten hat die EnBW aber auch direkt vor der Haustür. Hier sprechen die Zahlen von Geschäftsführer Eckert eine klare Sprache: "Wir können eindeutig nachvollziehen, wo unsere Partner sitzen und wie hoch ihr Auftragswert ist. Demnach beläuft sich der Kernkraftumsatz der Firmen im Umkreis von 20 Kilometern auf einen mittleren bis hohen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr."
Eines dieser Unternehmen aus der Region ist die Firma Elektrotechnik Brümmel in Neckarwestheim. Das Team von Inhaber Frank Brümmel ist spezialisiert auf Elektroinstallationen, Blitzschutz und das Verlegen von Kabeln. "Im Schnitt habe ich 30 bis 35 meiner Leute im Kernkraftwerk im Einsatz. Die Aufträge machen einen Großteil meines Umsatzes und damit mehr als eine Million Euro pro Jahr aus", sagt der Unternehmer. "Ich bin froh, die richtigen Leute für diese Arbeiten zu haben. Meistens dauert es fünf Jahre, bis wir einen Ingenieur von der Uni so weit ausgebildet haben, dass er im Kraftwerk arbeiten kann."
Am Betrieb des Kernkraftwerks hängen aber auch Unternehmer, die nichts mit Kerntechnik zu tun haben.
"Wir profitieren total vom Kernkraftwerk", sagt Elisabeth Rech, Inhaberin des Hotels "Am Markt" in Neckarwestheim. "85 bis 90 Prozent aller Übernachtungen gehen auf das Konto von Firmen, die in irgendeiner Form mit dem Betrieb des Kraftwerks zu tun haben. Unsere Gäste arbeiten für große Firmen wie Areva, aber genauso auch für kleinere Betriebe. Wenn die Revisionen stattfinden, sind wir immer voll belegt. Doch auch im restlichen Jahr läuft das Geschäft sehr gut." Den Ort Neckarwestheim ohne Kernkraftwerk möchte sich die engagierte Hotelfachfrau nicht vorstellen. "Dann wäre hier praktisch nichts mehr."
Ähnliches hat Werner Hartmann von der Bäckerei Hartmann zu berichten. Der Laden des Familienbetriebs liegt günstig an der Neckarwestheimer Hauptverkehrsstraße. "Die Leute vom Kernkraftwerk kaufen sich morgens bei uns ihr zweites Frühstück. Dazu kommen Kuchen, Gebäck und Tausende von Laugenbrezeln, die wir direkt in die Anlage liefern. Wenn sich eine Besuchergruppe vor Ort über das Kraftwerk informiert, stehen unsere
Brezeln auf dem Tisch. Ob ich die backe oder nicht, das macht schon was aus."
Dass Menschen wie Elisabeth Rech die Kernkraft befürworten, hängt jedoch nicht vom Umsatz ihres Hotels ab: "Durch meine Gäste bekomme ich ja mit, was so alles im Kernkraftwerk gearbeitet wird, und vor allem, wie die dort arbeiten. Das beeindruckt mich schon. Je mehr man weiß, desto größer ist das Vertrauen."